»Dancing With Tears in my Eyes«
Das Programm der Sektion begehrt! – filmlust queer beim 43. IFFF Dortmund+Köln, 22.-26. April 29026 in Köln
Das IFFF Dortmund+Köln präsentiert ab 22. April in Köln ein großes und facettenreiches Programm mit mehr als 80 Filmen von Regisseur*innen aus aller Welt. Die Sektion begehrt! – filmlust queer gehört dabei ohne Frage zu den identitätsstiftenden Reihen des Festivals. In diesem Jahr treten die begehrt!-Filme regelrecht in einen Dialog. Wir erleben gerechte und beglückende queere Lebensentwürfe, die überraschende Verbindungen bauen – etwa die Verwandtschaft zwischen der Klimakrise und dem Experimentieren mit Ecosexualität oder zwischen der mühevollen Bearbeitung von Familienkonstellationen und dem Recht, das eigene Geschlecht mit Freude zu gestalten. »Dancing with Tears in my Eyes« stellt die Frage, wie wir eine lebbare Realität schaffen können, ohne uns von dem aktuellen backlash mit Maßnahmen wie der Rücknahme von Transrechten oder brutalen Abschiebungen einschüchtern zu lassen.
Mit Filmen und Beiträgen von Emine Demir, Beverley Palesa Ditsie, Sam Feder, Kani Lapuerta, Yu-jin Lee, Les Lón’su, Anja Sunhyun Michaelsen, Jota Mun, Hoàng Quỳnh Nguyễn, Biene Pilavci, Mithu Sanyal, Laura Schinzel, Annie Sprinkle, Beth Stephens und Majana Ellie Urban.
begehrt!-filmlust queer wird kuratiert von Karin Michalski und Jules Bieber.
Alle Infos: https://frauenfilmfest.com/fest-2026/spielplan/
Programm: begehrt! – filmlust queer:
23. Apr | 16:00 | Between Goodbyes | Jota Mun | Filmforum NRW
24. Apr | 15:00 | Alleine Tanzen | Biene Pilavci | Filmforum NRW
25. Apr | 12:00 | Heigthened Scrutiny | Sam Feder | Filmforum NRW
25. Apr | 18:00 | Film Niñxs + Genderf***kers | Schauburg Dortmund
25. Apr | 20:30 | Manok | Yu-jin Lee | Filmhaus Köln
26. Apr | 13:00 | Film Niñxs + Genderf***kers | Filmforum NRW
26. Apr | 16:00 | Film Kurzfilmprogramm: Holding each other | Filmforum NRW
Der Dokumentarfilm Between Goodbyes von Jota Mun bearbeitet die Hintergründe und Auswirkungen von transnationalen Adoptionen aus Südkorea nach Westeuropa, ausgelöst durch Südkoreas Sozialpolitiken im Kontext postkolonialer Verhältnisse. Das Festival präsentiert die Deutschlandpremiere und wird das Thema mit einem ausführlichen Gespräch begleiten, das die Medienwissenschaftlerin Anja Sunhyun Michaelsen führt.
Familie als soziales und oft kompliziertes emotionales Konstrukt ist auch das Thema von Biene Pilavcis preisgekröntem Dokumentarfilm Alleine tanzen. Pilavci geht darin außerdem der Frage nach, welchen Einfluss die filmische Bearbeitung von Konfliktfeldern innerhalb von Familien-Dynamiken haben kann.
Um die Aushandlung von Gruppenzugehörigkeit und die Regeln von »chosen families«, die einen unterstützenden Raum für die eigene Lebensform und Identität bieten können, geht es in den Kurzfilmen Genderf***ckers von Majana Ellie Urban, Floraison von Les Lón’sus und in Laura Schinzels Hanteln für Heten: jeweils ein Balance-Akt dazwischen, sich im Alltag und an Szene-Orten behaupten zu müssen und dennoch miteinander und an sich selbst Freude haben zu können.
Die Kurzfilme Wie die Nelken von Emine Demir (Musik: Ebow) und Sinkflug von Hoàng Quỳnh Nguyễn zeigen aber auch, dass solche queeren Verbindungen von sozialen Rahmungen erschwert und sogar von faschistischen Gesellschafts-Fantasien und brutalen rassistischen Realitäten beeinträchtigt und bedroht werden.
Gerade in Zeiten von backlashs für queere Rechte ist es inspirierend, wie sich queere Aktivist*innen konkret für eben diese Rechte einsetzen und damit Veränderung in Gang setzen können. Beeindruckend ist etwa die Rede von Beverley Ditsie bei der UN-Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking, zu sehen in Lesbians Free Everyone – The Beijing Retrospective. Beeindruckend auch, wie der Anwalt Chase Strangio in Sam Feders Heightened Scrutiny vor dem amerikanischen Surpreme Court für die Rechte von trans* Jugendlichen eintritt.
Selbstbewusst und lustig erzählt Kani Lapuertas Niñxs vom Aufwachsen als trans* Jugendliche im ländlichen Tepoztlán (Mexiko) in einer positiv aufgeladenen Mischung aus dokumentarischen und szenischen Motiven aus Karlas Leben. Wie die meisten Filme dieses Programms ist auch dies kein Film über eine andere Person, sondern er ist aus der Zusammenarbeit und den gemeinsamen Erfahrungen des Filmemachers Lapuerta und der Protagonistin Karla entstanden. Der Dokumentarfilm ist beim Festival auch im Programm für Kinder und Jugendliche zu sehen.
Queeres Filmemachen bedeutet hier, das Beobachtete in größere Zusammenhänge zu stellen und auch sich selbst als Filmemacher*in in Beziehung zu setzen. Annie Sprinkle und Beth Stephens engagieren sich seit Jahren, um Ökologie zu einem queeren Thema zu machen. Sprinkle ist bekannt von ihren Performances und Filmen als sexpositive Pionierin und Vertreterin der Post-Porn-Bewegung. Sie und und ihre längjährige Lebens- und Performance-Partnerin Stephens führen uns in Playing with Fire: An Ecosexual Emergency vor, dass wir breite Bündnisse brauchen, um den Schutz von Wäldern und Wasser voranzutreiben – und wie wir Ökologie mit queerem Begehren verknüpfen können: Ecosex. Sprinkle und Stephens kreieren kollektive Räume, die in ihrer Großzügigkeit und in ihren Allianzen ansteckend wirken. Beide werden in Köln zu Gast sein – das Gespräch zum Film führt die Autorin und Journalistin Mithu Sanyal.
Wie sich eine Dorfgemeinschaft auf die Seite der lesbischen Kandidatin für das Bürgermeisteramt stellt und sich dadurch die Situation im Dorf zum Positiven verändert, zeigt die südkoreanische Komödie Manok von Yu-jin Lee. Statt sich auf die Konflikte zu konzentrieren, richtet Manok einen humorvoll-romantisch-utopischen Blick auf Zusammenhalt innerhalb der queeren Community. Lee feiert in ihrem Langfilmdebüt generationenübergreifende Solidarität und die transformative Kraft queerer Wahlfamilie.
Diese Filme machen Freude und Mut, da sie angesichts der gegenwärtigen Negativ-Politiken darauf bestehen, zu wiederholen, weiter zu machen – und das, was wir unter »queeren Politiken« verstehen, zu erweitern. So wie Rassismus und Transfeindlichkeit uns alle betrifft, so sollte auch die Klimakrise zu unseren Politiken dazu gehören – wie bei Annie Sprinkle und Beth Stephens.
Die Filmemacher*innen und Künstler*innen des Programms geben viele widerständige und positiv ermutigende Anhaltspunkte, sie zeigen uns how to dance with tears in your eyes.
Spielorte: Filmhaus Köln, KHM Aula, Odeon, Orangerie Theater und Open Air am Filmforum NRW

